Stimmen aus der Vergangenheit sollten gehört werden

Wer sich für seinen Besuch bei uns Zeit nimmt, kann im Erdgeschoss einem beeindruckenden Gespräch lauschen. Da reden Menschen miteinander, die aus vergangenen Jahrhunderten kommen. Jetzt kann man ihre hochbrisanten Worte auch mit nach Hause nehmen…  

Im futurea Science Center liegt seit einigen Tagen eine Broschüre aus, die ein Gespräch berühmter Wissenschaftler der Vergangenheit mit der Hausherrin aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, Margaretha Blume, zum Inhalt hat. Wer das Center schon einmal besucht hat, dem werden sicher Justus von Liebig, Friedrich Wöhler und Sir William Crookes noch in Erinnerung sein – allesamt sehr verdienstvolle Chemiker nicht nur ihrer Zeit. Liebig hat immerhin Meilensteine der Agrarwissenschaft gesetzt, Wöhler gilt wegen seiner Synthese von Harnstoff aus Ammoniumcyanat als Pionier der organischen Chemie und Crookes machte sich auf dem Gebiet der Stickstoffdüngung einen Namen. 

Ihr großes Thema: Wie kann der massenhaften Ausbreitung des Hungers auf der Welt beigekommen werden? Ihre gemeinsame Antwort hat bis heute und auch für morgen nichts an Bedeutsamkeit verloren: durch Mineraldüngung.

Wie aktuell das ist, unterstrich dieser Tage die Welthungerhilfe mit der Veröffentlichung des sogenannten Welthunger-Indexes. Demnach ist die Anzahl der hungernden Menschen auf 815 Millionen Menschen gestiegen.

Im Jahr 2050 werden rund 9,7 Milliarden Menschen auf der Erde leben, was laut der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, im Vergleich zu heute einen Zuwachs von rund 39 Prozent bedeutet. Um dann alle Menschen ausreichend ernähren zu können, muss die globale Getreideproduktion um 46 Prozent wachsen.

Damit stellt sich die Frage, wie diese zusätzliche Menge erzeugt werden kann. Es könnten die Anbauflächen ausgeweitet werden, was aber nur in einem sehr geringen Umfang von circa 4 Prozent möglich ist. Alternative: Auf den bisherigen landwirtschaftlich genutzten Flächen muss deutlich mehr geerntet werden. Das wiederum erfordert einen höheren Einsatz von Nährstoffen für die Pflanzen in Form von Mineraldüngern.

Warum ist für die Erhöhung der Ernten und damit für die Ernährung der Weltbevölkerung mehr Mineraldünger erforderlich? Unsere Kulturpflanzen wie etwa Getreide, Kartoffeln oder Gemüse nehmen mineralische Pflanzennährstoffe auf, die sie für ihr Wachstum und den Aufbau ihrer Inhaltsstoffe benötigen. Mit den Ernteprodukten werden diese Nährstoffe schließlich von den Ackerflächen abgefahren. Damit für die nächste Kultur wieder ausreichend Nährstoffe verfügbar sind, müssen diese mit Mineraldüngern wieder zugeführt werden. Mineraldünger ersetzen also die dem Boden entzogenen Pflanzennährstoffe. Ein besonders hohes Potenzial, um die Ernten durch Düngung zu erhöhen, gibt es hauptsächlich in den sich entwickelnden Ländern. 

In Europa und Nordamerika mit ihren hohen Ernten wird dagegen zunehmend gefordert, weniger zu düngen, den Pflanzenschutz zu reduzieren und auf organischen Landbau umzustellen. Diese Forderung geht allerdings auf Kosten auch der Länder mit Hungerproblem. Denn bereits heute werden außerhalb Europas auf 15 bis 30 Millionen Hektar Fläche Nahrungsmittel für den Export nach Europa angebaut. Diese starke Schwankung ergibt sich aus der Höhe der Ernten in Europa.

Die große Bedeutung der Mineraldüngung für die Ernährung lässt sich anhand verschiedener Beispiele – wie auch im 1. Obergeschoss des futurea Science Centers zu finden – veranschaulichen. So haben sich die Weizenerträge in Deutschland unter anderem durch eine zunehmende Düngung in den letzten 100 Jahren vervierfacht. Wissenschaftliche Berechnungen haben ergeben, dass sich bereits heute etwa 50 Prozent aller Menschen von Nahrungsmitteln ernähren, die nur durch den Einsatz von Mineraldünger erzeugt werden können. Dieser Anteil wird zukünftig weiter zunehmen.  

Intensive Mineraldüngung auf den vorhandenen Anbauflächen hat aber auch weitere Vorteile. So werden pro Tonne Weizen weniger klimaschädliche Treibhausgase freigesetzt als bei extensivem Weizenanbau, und wertvolle Ökosysteme mit hoher Biodiversität können erhalten werden.

Wichtig ist schließlich die Tatsache, dass die europäischen Landwirte heute mehr Nahrungsmittel erzeugen als vor 20 Jahren bei einem geringeren Einsatz von Stickstoff. Die Effizienz der Stickstoffdüngung hat sich also erhöht, was Landwirten und der Umwelt zugutekommt.

Das ist also das Thema von Liebig, Wöhler und Crookes – in der Studierstube des futurea Science Centers am Markt 25 von Lutherstadt Wittenberg (Foto). „Für diese hoffnungsvolle Aussicht danke ich Ihnen meine Herren,“ beschließt Margaretha Blume den Gedankenaustausch, „ich habe jetzt einiges erfahren, vieles ist mir durchaus fremd. Und doch meine ich zu erahnen, dass wir hier noch nicht am Ende sind und wohl auch nie sein werden...“.